Überbrückungsfinanzierung: Wenn Liquidität König ist, sind Eigenkapital & Profitabilität Kaiser

Laut einer am 16.04 veröffentlichten KSV1870-Umfrage geht rund 24% der heimischen Betriebe bis Mitte Mai die Liquidität aus. Eine Pleitewelle ab Juni wäre zu befürchten. Die Regierung versucht dem bereits seit März mit Nothilfen zu begegnen. Auszahlungen lassen oft länger als angekündigt auf sich warten und die wenigsten Mittelständler vertrauen auf den Teil der nicht rückzahlbar ist und behandeln die Hilfen somit als reines Fremdkapital. “Cash is King” hört man dazu oft, kurzfristig ist das auch die oberste Maxime, aber in der langen Frist rächt sich eine hohe Verschuldungsquote. Ist es überhaupt zielführend den Stillstand mit reinem Fremdkapital zu überbrücken?



Aufnahme von Fremdkapital wird erleichtert

Die Corona-Krise und die COVID-19-Maßnahmen der österreichischen Regierungen haben viele Unternehmen zur temporären Schließung ihres Betriebes gezwungen, negativ betroffen ist - bis auf wenige Krisengewinner - quasi jedes Unternehmen, 68% der Unternehmen sind laut KSV1870-Umfrage schwer davon betroffen. Liquidität zu erhalten, um Umsatzeinbrüche zu überstehen, ist die oberste Maxime und wird von der Bundesregierung mit Haftungen gestützt. Die angebotenen Förderungen sind nichts anderes als Betriebsmittelkredite, die von Banken als reines, rückführbares Fremdkapital vergeben werden, wo das Ausfallrisiko für die Bank zu einem großen Teil durch den Bund aufgefangen wird. Die Haftungsquote wurde auf bis zu 100% erhöht, um Banken Kreditvergaben auch bei schlechter Bonität schmackhaft zu machen. Zu erfüllen sind dafür entweder die URG-Kriterien (wie bisher bei 80% Haftung) oder die UiS-Kriterien (90% und 100% Haftung). Die URG-Kriterien kommen aus dem Unternehmensreorganisationsgesetz und leiten den Restrukturierungsbedarf - als ein Unternehmen das aktuell nicht als gesund gilt - von der fiktiven Schuldentilgungsdauer und der bilanziellen Eigenkapitalquote ab. Dabei darf die fiktive Schuldentilgungsdauer nicht über 15 Jahre liegen und die Eigenkapitalquote muss über 8% liegen - auf Basis der Bilanzen von 2017 dürften alleine das zweite Kriterium fast ein Drittel der österreichischen Unternehmen nicht erfüllen, sie gelten also als Unternehmen mit Reorganisationsbedarf. Mittlerweile kommen bei den Garantien für Betriebsmittelkredite durch die Austria Wirtschaftsservice (AWS) auch die UiS-Kriterien zur Anwendung, zumindest dann wenn die öffentliche Garantie 90% oder 100% des Kredits betragen soll. Auch hier werden Unternehmen in Schwierigkeiten (UiS) von Garantien ausgeschlossen, die fiktive Schuldentilgungsdauer spielt allerdings hier keine Rolle, dafür dürfen aufgelaufene Verluste nicht mehr als die Hälfte der Stammeinlage bei GmbHs aufgebraucht haben.

Für den Fall, dass 100% Haftung durch die öffentliche Hand immer noch nicht reichen, kommt nun die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken noch rettend zur Seite und senkt die Eigenkapitalanforderungen für die Kreditvergabe temporär. Banken sind in der Kreditvergabe selbst durch ihr eigenes haftendes Kapital limitiert, nun können sie mit bestehendem Kapital mehr Kredite vergeben. Das Ziel der kurzfristigen Liquiditätssicherung durch Kredite wird mit allen Mitteln verfolgt.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für 2020 einen Rückgang der weltweiten Wirtschaftsleistung durch die COVID-19 Maßnahmen von 3 Prozent, für Österreich liegt die Annahme bei einem deutlichen Minus von 9 Prozent, der Einbruch wäre damit doppelt zu groß wie in der Finanzkrise 2009. Als wichtigstes Mittel zur Linderung sieht auch der IWF die Aufnahme von Schulden, empfiehlt Regierungen so viel konjunkturbelebende Staatsausgaben wie möglich zu tätigen und stellt Notkredite an Staaten iHv 1 Billion USD zur Verfügung.

Verschuldungsquote und Insolvenz gehen Hand in Hand

Kredite sind im Kern für Investitionen am besten geeignet: ein Unternehmen investiert in eine Maschine, durch die Produktionserlöse zahlt es die Anschaffungskosten laufend zurück. Bei Betriebsmittelkrediten finanziert ein Unternehmen beispielsweise einen Lagerbestand vor, mit dem Verkauf der Ware macht es einen positiven Deckungsbeitrag, der mindestens die Fremdkapitalkosten deckt. Um diese wirtschaftlichen Risiken eingehen zu können, denn jede Investition ist mit Unsicherheit verbunden, braucht es einen gewissen Puffer an Eigenkapital - das haftende Kapital. Schwanken die Erlöse, wird nicht gleich eine Zahlungsunfähigkeit durch Tilgungsrückstände ausgelöst, weil das Eigenkapital Schwankungen auffängt.

Auf Basis der Auswertung der 2017er Bilanz durch die KMU Forschung Austria liegt bei 22% der österreichischen Unternehmen eine Überschuldung vor, das heißt sie weisen in der Buchhaltung ein negatives Eigenkapital aus. Weitere 23% verfügen über einen Eigenmittelquote von unter 20%, in manchen Branchen ist ein Wert unter 20% üblich, in den meisten allerdings problematisch.

Die Eigenmittelquote ist deswegen besonders wichtig, weil Eigenkapital eine Absorptionsfunktion für unternehmerischen Risiken erfüllt, es verursacht keine laufenden Kosten, sondern partizipiert am Unternehmensgewinn. Fremdkapital absorbiert keine Verluste und ist laufend zu bedienen, je niedriger der Eigenkapitalanteil am Gesamtkapital ist, desto weniger wirtschaftliche Schwankungen kann ein Unternehmen verkraften bevor es zahlungsunfähig ist.

Die Höhe der Eigenmittelquote bzw. umgekehrt des Verschuldungsgrads hat daher einen signifikanten Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit einer Zahlungsunfähigkeit. Wissenschaftliche Beiträge dazu belegen diesen Zusammenhang seit Jahrzehnten (zB: Hovakimian et al., 2012; Bonaccorsi di Patti, D’Ignazio, Gallo, & Micucci, 2015). Allgemeingültige Grenzen für einen Anstieg der Risiken sind daraus nicht abzuleiten, doch die branchenüblichen Eigenmittelanforderungen von Banken sind ein gutes Indiz für eine gesunde Kapitalstruktur, da diese Zahlen auf Erfahrungswerten aus Branche, Region und weiteren Merkmalen der Unternehmen beruhen. Wenn diese Logiken jetzt mit staatlichen Haftungen außer Kraft gesetzt werden, verschleppt man ungesunde Unternehmen und bisher gesunde Unternehmen erkranken durch drastische Umsatzeinbrüche. Nur Unternehmen mit einer hohen Rentabilität können Fremdkapital zur Kompensation von Umsatzeinbrüchen unbeschadet überstehen und langfristig durch höhere Marktanteile profitieren. Eine hohe Profitabilität, im Sinne eines hohen prozentuellen Anteils des Gewinns am Umsatz, spielt also eine gewichtige Rolle um Fremdkapital in der Zeit nach dem Shutdown unbeschadet rückführen zu können.

Eigenkapital-starke Unternehmen werden Krisengewinner

Besonders frappierend ist das Problem für Startups, weil diese in der Aufbau oder frühen Wachstumsphase keine Schuldentilgungsdauer unter 15 Jahren darstellen könnten, wenn sie mit Fremdkapital finanziert würden. Diese Kennzahl ist somit gänzlich untauglich für Startups bzw. Fremdkapital ist nur bedingt einsetzbar. Diesen Umstand hat jetzt auch die Bundesregierung erkannt und ein eigenes Startup-Nothilfe aufgelegt, Kern davon ist ein Risikokapitalfonds der von der öffentlichen Hand dotiert wird und private Eigenkapitalinvestments doppelt. Hier befinden sich die Maßnahmen schon deutlich näher an der langfristigen Vernunft: Eigenkapital stärken, statt nur Liquidität zu sichern.

Mit solider Eigenkapitalbasis kann dann natürlich auch noch Fremdkapital zusätzlich aufgenommen werden. Dieser Umstand ermöglicht den glücklichen Startups, die in den Genuß von Investorengeld Plus Doppelung durch den Staat kommen, weiteres Wachstum in oder nach der Krise.

Wird aber nun im etablierten Mittelstand nur Fremdkapital aufgenommen, nicht um Investitionen zu tätigen, nicht um Betriebsmittel vorzufinanzieren, sondern um laufende Kosten zu decken, startet das Unternehmen mit einem Malus in die Zeit nach dem Shutdown. Der Umsatzentgang vonn 2020 muss in den Folgejahren getilgt werden. Wir werden also mit einer Welle der verschleppten Insolvenzen rechnen müssen. Immer noch besser als seinen Betrieb gleich zu schließen, aber es gilt gezielt Maßnahmen zu setzen um dieser Situation vorzubeugen. Es sind neben Liquiditätssicherungsmaßnahmen unbedingt Aktionen zur Steigerung der Umsatzrentabilität nötig. Aber auch zusätzliches, haftendes Kapital sollte - sofern verfügbar - sichergestellt werden. Gesellschaftereinlagen und nachrangige Darlehen mit langfristiger Ausgestaltung, eignen sich um die Eigenmittelquote konstant zu halten und einer Verschlechterung der Kapitalstruktur entgegenzuwirken. Denn nach der Krise haben Unternehmen mit gesunder Kapitalstruktur einen Vorteil

gegenüber ihren Mitbewerbern: Sie können immer noch Risiken eingehen und somit neue Opportunitäten wahrnehmen.




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