Corona-Betriebsunterbrechungsversicherung auf der Blockchain?

Veranstaltungen werden abgesagt, Lieferketten sind unterbrochen, Mitarbeiter müssen heimgeschickt werden. Die finanziellen Schäden durch den Coronavirus sind für viele Unternehmen existenzbedrohend. Eine adäquate Versicherung gegen diese Art Betriebsausfall gibt es allerdings nicht, denn eine Versicherungsgesellschaft kann solch konzentrierte Risiken nicht abdecken ohne die eigene Solvenz zu gefährden. Wie könnte man nun also theoretisch eine Absicherung für das Risiko einer Verlängerung des Ausnahmezustands bis in den Juni oder Juli anbieten?


Schnelle Lösung erfordert einfache Verträge

Versicherungsbedingungen werden allgemein als kompliziert, mit undurchsichtigen Ausschlusskriterien, wahrgenommen, ein solch außergewöhnlicher Fall, mit kurzfristiger Einführung, benötigt zuallererst einmal eine Vereinfachung des versicherten Risikos selbst.

Der einfachste Auslöser für einen Schaden, und somit ob eine Versicherung zahlen muss oder nicht, wäre in der einfachsten Version die Definition eines Zeitraums und ob in diesem Zeitraum das öffentliche Leben noch durch öffentliche Anordnung eingeschränkt ist. Beispielsweise kann man das wie folgt formulieren: Sind im Monat Juni an mehr als 10 Tagen Veranstaltungen mit mehr als 100 Besuchern Indoor/500 Besuchern Outdoor untersagt? Der Versicherungsfall ist so dermaßen einfach und verständlich formuliert, dass viele diese Absicherung in Anspruch nehmen könnten und die Auszahlungsmodalitäten sofort verstehen würden.

Jedoch ist dieser Fall durch eine Versicherung nicht abdeckbar, denn es kann keine Risikogemeinschaft gebildet werden. Entweder alle Versicherten sind betroffen oder keiner. Die Versicherung kann dieses Klumpenrisiko nicht auf sich nehmen. Es gibt teilweise Versicherungen für Katastrophen, bei denen zuerst eine Rückversicherung das Risiko der Versicherungsgesellschaften bündelt und dann weiterverkauft. Denn auch die Rückversicherung hat das gleiche Problem, sie kann das Risiko nicht selbst tragen, weil bei einer globalen Pandemie wieder (fast) alle oder kein Versicherungsnehmer betroffen wären.

Daher werden solche Produkte in der Regel nur dann angeboten, wenn einen Investmentbank das Risiko auf den Kapitalmarkt überträgt, in dem es Versicherungsrisiken als Anleihen verbrieft (Insurance Linked Securities). Ob des häufigsten Anwendungsfall, der außergewöhnlichen Schadenkonzentration, werden diese Anleihen meist als Cat-Bonds bezeichnet, also Katastrophenanleihen. Das Risiko des Eintritts der Katastrophe wird also vom Unternehmen an die Versicherung, an die Rückversicherung, an die Bank und schlussendlich an die Investoren in Katastrophenanleihen weitergegeben. Der Investor der Katastrophenanleihe, häufig kaufen Hedgefonds solche Produkte, bekommt also eine attraktive Rendite wenn die Katastrophe nicht eintritt, wenn der Katastrophenfall eintritt, ist die Nominale der Anleihe und somit das Investment weg. Das Geld wird zur Kompensation des Geschädigten verwendet. Manche nennen es wetten, aber es erfüllt seinen Nutzen, denn ohne diese Kette bis zum effektiven Risikoträger, könnte der Unternehmer sein Risiko erst gar nicht absichern und wäre eine existenzbedrohendem Risiko ungeschützt ausgesetzt. Es funktioniert also auch mit bestehenden Methoden, aber zu langsam und zu teuer!



ein Smart Contract auf der Blockchain zeigt seine Stärke

Das Produkt nun einfach gedacht, mit einem klaren Fall in dem die Auszahlung zum Versicherungsnehmer stattfindet oder nicht, egal ob dieser nun auch wirklich geschädigt wurde. Es geht ja schlussendlich auch darum solche Verträge möglichst einfach aufzusetzen, daher ist kein Platz für Sonderklauseln und Schadensprüfungen. Die Versicherung greift also nicht beim tatsächlichen Schaden, sondern beim potenziellen Schaden auf Basis der Versicherungssumme.

Die Kette vom Unternehmen, zur Versicherung, zur Rückversicherung, zur Investmentbank, bis zum Anleger der Katastrophenanleihe kann in einem Vertrag dargestellt werden, weil es nur die zwei relevanten Parteien, der Unternehmen und der Anleger zusammengebracht werden, das ermöglicht die Blockchain mit der Erstellung von kleinen smarten Verträgen, in beispielsweise Ein-Euro-Stückelung. Ein Investor definiert den Betrag, der er in eine Risikoanleihe investieren will. Definiert den Risikozeitraum, beispielsweise wie oben, Pandemie im Juni 2020, und wie viel Prämie er dafür fordert. Es werden viele kleine Verträge digital produziert, die genau seine Angaben beinhalten. Der Vertrag wird erst wirksam wenn auf der anderen Seite des Vertrags ein Versicherungsnehmer steht, der das Risiko zu der vorgeschlagenen Prämie absichern möchte und damit auch gleich eine Prämie bezahlt. Es ist eine Art Peer-to-Peer Crowd-Versicherung, die Summe der Investoren in diese Anlageklasse sichert den betroffenen Versicherungsnehmer ab. Am Ende kann der Vertrag auf zwei Arten ausgehen, entweder das Ereignis ist eingetroffen - wieder unabhängig vom tatsächlichen Schädens - und der Käufer des Tokens bekommt die Auszahlung oder es ist nicht eingetroffen und der Investor bekommt sein Geld zurück. Die Prämie wurde davon unabhängig vom Käufer der Absicherung an den Investor übermittelt. Ein solcher Vertrag wäre innerhalb von 10 Minuten automatisiert abschließbar, weil ausschließlich Anbieter und Nachfrage zusammengeführt werden, eine Risikoprüfung oder ähnliches ist nicht notwendig.


Corona-Versicherung ist nicht im Einsatz, aber ein Demofall für die Technologie

Dieser Smartcontract und die Plattform “COVSurance” wurde vom Linzer FinTech finothek gemeinsam mit dem niederösterreichischen IT-Dienstleister CodingYourLife als Demo im Zuge des Hackathons “Startups vs. Conona-Stillstand - frische Lösungen als Lehren aus der Krise” entwickelt und ist unter https://CoVSurance.web.app für Testzwecke erreichbar. Sofern ein Wallet mit Kovan Ether besteht, können sogar technisch funktionierende Verträge mit “Testgeld” abgeschlossen werden. Aufgrund der komplexen aufsichtsrechtlichen Situation konnte das Produkt nicht in den Livebetrieb gestellt werden. Die Schaffung der angekündigten Regulatory Sandbox, also das Versuchslabor für neue digitale Geschäftsmodelle der Finanzmarktaufsicht, wird solche frühphasigen Testeinführungen ermöglichen. Der Demofall soll zeigen, wie schnell auf der Blockchain Verträge mit Versicherungs- und Finanzierungscharakter entwickelt und angeboten werden können, die zwei Seiten direkt zusammenführt und einen neuartigen Marktplatz für Risiken ermöglicht. Bestehende Marktteilnehmer werden dabei nicht ersetzt, sondern sinnvoll ergänzt. Auf der einen Seite können Versicherungen Teile der Risiken übernehmen - eine Art geteilte Risikoübernahme, wie man es bei Banken bei Großkrediten kennt - und Makler ihren Kunden sowohl neue Absicherungslösungen anbieten, als auch ein neuartiges Investmentprodukt beraten. Die Corona-Krise ist dafür ein Demofall. Spannend sind solche Marktplätze für den Risikoaustausch auf alle Fälle, denn nicht die klassischen Versicherungen, wo ein funktionierender Markt besteht, werden so gefährdet, sondern der Markt um Lösungen ergänzt, wo man bislang kaum effiziente oder gar keine Lösungen anbieten konnte.

122 views

©2020 finothek GmbH